Von Samson Grzybek
Founder:in Queermed, Host Podcast "Trauerschatten", Search-Expert:in bei ida
2026 wird sich entscheiden, ob Journalismus weiterhin am Mythos der Neutralität festhält; oder offenlegt, von welchen Werten er ausgeht. Dabei sollte ein demokratischer und menschenfreundlicher Grundgedanke das Fundament journalistischer Arbeit sein. Wie viel Einfluss journalistische Arbeit hat, das sehen wir, wenn wir uns die vergangenen Wahlberichterstattungen anschauen, wenn wir uns anschauen wie über Gendern, trans* Menschen oder Migration geschrieben wird.
Ein Journalismus, der 2026 weiterhin auf ‚A sagt, B sagt‘ setzt, überlässt Deutungshoheit denen, die am lautesten oder menschenfeindlichsten sprechen. Journalist*innen sind, mit ihrer eigenen Lebensrealität und ihrer Arbeit, das Bindeglied zwischen der Welt und den Medienkonsumierenden. Unabhängig vom Medium. Journalist*innen prägen nicht nur Wahrnehmung – sie entscheiden mit darüber, welche Realitäten gesellschaftlich sagbar sind. Was gesagt wird und was unausgesprochen bleibt. Wessen Stimmen als legitim gelten.
Das Internet hat dazu beigetragen, dass viel mehr Stimmen sichtbar geworden sind. Wir wissen, was auf der Welt passiert, wir wissen, was außerhalb unserer persönlichen Bubble passiert. Wir wissen, welche persönliche Geschichten auch durch journalistische Berichterstattung in der Vergangenheit betroffen waren. Gleichzeitig aber auch, dass das Verständnis bewusst verwischt wird, dass Journalismus einer bestimmten Ethik folgt. Dass journalistische Arbeit ein Handwerk ist. Dass die Grenzen von Berichterstattung, Propaganda und Fake News immer schwieriger zu erkennen sind. Dass hetzerische Headlines und Clickbait-Artikel immer mehr Reichweite generieren in unserem auf Aufmerksamkeit getrimmten Medienkonsum. Mit KI steht der Journalismus vor einer Zäsur: Entweder er macht seine Arbeitsweise transparenter, oder er verliert endgültig an Glaubwürdigkeit.
Wir müssen uns daran zurückerinnern, worüber wir sprechen wollen. Welche Sätze wir nachplappern und welche Aussagen wir hinterfragen. Neutralitätsmythen schaden dem Journalismus und schränken die Arbeit vieler Journalist*innen langfristig ein. Journalismus, der Kritik nicht von Menschenfeindlichkeit unterscheidet, wird 2026 nicht moderierend wirken, sondern polarisierend.