Von Renée Abe
ZDF Digital, Head of Innovation
Das Jahr 2026 fühlt sich an wie das Erwachen nach einer wilden Party. Der Rausch des „Alles ist möglich“ der Jahre 2023 und 2024 ist verflogen, der Kater der Desillusionierung von 2025 weitgehend überstanden. Was bleibt, ist eine nüchterne, aber kraftvolle Realität: die produktive Anwendung.
Wir bei ZDF Digital haben die letzten Jahre damit verbracht, diesen Weg vom „Labor „in die „Fabrikhalle“ zu ebnen. Wir haben hunderte Prototypen gebaut, Workflows in Redaktionen getestet und gelernt, wo der Hype endet und der operative Mehrwert beginnt. Heute befinden wir uns nicht mehr im Experimentierfeld, sondern im produktiven Alltag.
Genau deshalb verschiebt sich der Diskurs. Die zentrale Frage lautet nicht länger, ob KI eingesetzt wird, sondern wie sie so integriert wird, dass sie publizistische Verantwortung stärkt, statt sie zu untergraben. Qualität wird heute nicht trotz, sondern wegen Automatisierung neu verhandelt. Die folgenden Thesen sind die Quintessenz dieser Lernkurve – sie richten sich an alle, die operative Entscheidungen treffen und deren Konsequenzen tragen.
Wir ertrinken in synthetischem Durchschnitt. Wenn Inhalte nahezu kostenlos erzeugbar sind, verschiebt sich der Wettbewerb fundamental: weg von der Frage „Wer kann produzieren?“ hin zu „Wem kann ich glauben?“. 2026 wird weniger über Content-Strategien gesprochen und mehr über belastbaren Ursprung.
Für Publisher und Produktionspartner heißt das: Provenance wird zum Qualitätsmerkmal wie Bild- und Tonstandard. Technische Gütesiegel wie C2PA sind ein wichtiger Hygienefaktor, aber allein nicht ausreichend. Entscheidend ist die redaktionelle Beweiskette: Was ist real gedreht, was rekonstruiert, was generiert? Wer hat geprüft, nach welchen Kriterien, mit welcher Dokumentation? Vertrauen entsteht durch Nachvollziehbarkeit. Wer diese Kette nicht sauber abbilden kann, verliert langfristig an Relevanz.
Die spannendste Entwicklung 2026 ist nicht das nächste Modell-Upgrade, sondern die Integration bestehender Fähigkeiten in stabile Produktionsabläufe. Die Phase der Einzelprompts ist vorbei. An ihre Stelle treten Toolchains, in denen KI klar definierte Aufgaben übernimmt: vorbereitet, versioniert, prüfbar.
Nachdem wir jahrelang mit isolierten Lösungen experimentiert haben, setzen wir heute auf agentische Assistenzsysteme entlang der gesamten Wertschöpfungskette: bei Sichtung und Logging, bei Rohschnittvorschlägen oder Compliance-Checks. Der entscheidende Shift: Wir delegieren keine Verantwortung, sondern Aufgaben. Menschen bleiben „in the Loop“ – als Direktion, Qualitätsprüfung und finale Instanz.
2026 ist das Jahr, in dem wir uns vom Schwarz-Weiß-Denken lösen. Relevant ist: Welche Automatisierung ist für welchen Inhalt vertretbar? Aus unserer Zusammenarbeit mit Redaktionen hat sich eine Qualitätsmatrix etabliert, die Automatisierungsgrade nach Risiko, Formatlogik und Markenwirkung definiert (assistiert, teilautomatisiert, nicht automatisiert).
Dieses Modell erlaubt Skalierung ohne pauschale Absenkung des Anspruchs. Es macht transparent, warum bestimmte Inhalte maschinell unterstützt werden dürfen und andere nicht. Qualität wird so operationalisierbar und überprüfbar, statt zur individuellen Geschmacksfrage zu werden.
Barrierefreiheit ist 2026 kein Zusatzfeature mehr, sondern ein Grundversprechen. Der Engpass war lange nicht der Wille, sondern die Kapazität. Genau hier entfaltet die Technologisierung ihr größtes Potenzial und schafft zudem neue Formate wie zum Beispiel unterschiedliche Sprachfassungen von Inhalten.
Automatisierte Untertitel, Übersetzungen oder Leichte-Sprache-Varianten lassen sich heute skalieren. Aber Barrierefreiheit bedeutet mehr als korrekter Text; sie braucht Timing, Tonalität und Kontext. Deshalb setzen sich feste Qualitätsgates durch: Die Technologie liefert die Geschwindigkeit, der Mensch sichert die Bedeutung.
Reenactments verändern sich grundlegend. Viele Rekonstruktionen werden 2026 nicht mehr klassisch gedreht, sondern generativ erzeugt. Damit entsteht ein neues Handwerk zwischen Recherche, Dramaturgie und Technik.
Die zentrale Herausforderung ist nicht Realismus, sondern Redlichkeit. Was wird rekonstruiert und was behauptet? Wie transparent ist die Methode? Sauber markierte Rekonstruktionen eröffnen neue Erzählräume, ohne das Vertrauen zu verspielen, das diese Formen überhaupt legitimiert.
Virtual Production ist 2026 kein Wow-Effekt mehr, sondern eine belastbare Option im Mix. Die Frage lautet nicht, ob virtuelle Sets den Dreh ersetzen, sondern wann welcher Raum die bessere Entscheidung ist.
Reale Orte bleiben unersetzlich für dokumentarische Wahrheit. Virtuelle Welten gewinnen dort, wo Wiederholbarkeit und Sicherheit entscheidend sind. KI senkt hier die Eintrittshürden, ersetzt aber nicht das Handwerk von Licht, Kamera und Regie.
Smart Glasses haben das Smartphone noch nicht ersetzt, aber räumliche Interfaces werden 2026 alltagstauglich. Inhalte lösen sich damit langsam vom flachen 16:9-Rechteck. Für Medien bedeutet das: Wir müssen lernen, räumlich zu denken.
Unsere Erfahrungen zeigen: Begehbare Formate, immersive Sets und digitale Zwillinge eröffnen völlig neue Erzählräume. KI ist hierbei der Enabler, der 3D-Assets erstmals skalierbar und bezahlbar macht. Die Technologie ist reif – was nun zählt, ist das Format, das publizistische Relevanz mit räumlicher Tiefe verbindet.
Die größte Hürde ist nicht Rechenleistung, sondern Missverständnis. Teams scheitern selten an Tools, sondern an falschen Erwartungen. Deshalb ist AI-Literacy zur Überlebensstrategie geworden.
Nicht jede Person muss programmieren können, aber jede muss Systemgrenzen verstehen: Bias, Halluzinationen, Fehlerketten. Wer präzise erklären kann, was automatisierbar ist und was nicht, schützt Qualität, Budgets und Vertrauen gleichermaßen.
In einer Welt, in der Tech-Giganten Skalierung als Waffe nutzen, liegt der Hebel in gemeinsamen Standards und geteilten Toolchains. Unsere Arbeit an modularen Infrastrukturen zeigt: Der öffentlich-rechtliche Gedanke endet nicht beim Inhalt, er setzt sich im Code fort.
Auch Empfehlungssysteme sind Teil dieser publizistischen Verantwortung. Während kommerzielle Plattformen auf maximale Verweildauer optimieren, setzen wir auf Algorithmen, die Vielfalt, Kontext und Serendipität fördern. Transparenz und technologische Souveränität sind dabei Teil unseres Qualitätsversprechens.
2026 wird weniger laut, aber wirkungsvoller. Wir diskutieren nicht mehr das Ob, sondern das Wie. Wenn KI die Fleißarbeit übernimmt, bleibt Raum für das, was Medien im Kern ausmacht: Relevanz, Haltung und eine glaubwürdige Verbindung zum Publikum.