„Mehr Publikum ist besserer Content“ findet 2026 ein Ende. Ein zentrales Problem von Redaktionen könnte sich dabei zu einer Stärke verwandeln.

Von René Bosch

BeatSquares, CEO und Gründer

Weniger Geister, mehr Superhelden

Eine der am gefürchtetsten Metriken in Redaktionen ist die der Geisterinhalte. Kurz gesagt: lange produziert, kaum beachtet. Diese Zahl wurde bisher oft als Synonym für Inhalte verwendet, die „nicht funktionieren“ oder „schlecht gelaufen“ sind. Doch das könnte sich dramatisch verändern.

Denn „One size fits all“ ist spätestens 2026 vorbei und damit auch die Fokussierung auf Reichweitenbringer. Eine Redaktion wird nicht mehr „die Zeitung“, „die Sendung“ oder „das Programm“ produzieren. Sie wird vielmehr der Nukleus eines lose zusammenhängenden Inhalte-Universums: ein Pendler-Podcast, ein WhatsApp-Update für Eltern junger Kinder, eine wöchentliche Politik-Zusammenfassung als Newsletter. Gespeist werden alle diese Formate aus den Fakten, die Redakteurinnen und Redakteure recherchieren, einordnen und kommentieren.

Man könnte es die „Marvelisierung“ nennen, nach dem berühmten Comic-Universum. Dessen Mainstream-Durchbruch kam mit einer neuen Art, über Hollywood-Filme nachzudenken: Was wäre, wenn man viele Filme für verschiedene Zielgruppen schafft, deren Charaktere später in einem großen Blockbuster zusammenkommen? Auf mehrere kleine Erfolge (und einkalkulierte Misserfolge) folgt ein noch größerer, beinahe garantierter Erfolg.

Zurück zum Journalismus: Das Zauberwort für eine solche Entwicklung ist (Überraschung!) nicht KI. Das wäre zu kurz gegriffen. Kein Prompt kann wie von magischer Hand all die Herausforderungen lösen, die Kuratierung, Verifizierung, Transformierung von Inhalten mit sich bringen.

Vielmehr ist es ein systemischer Ansatz. Das ominöse „Liquid Content“-Konzept wird 2026 in Produktionsabläufe integriert. Inhalte werden technisch verarbeitbar aufbereitet, Analysedaten und bereits vorhandene Kuratierungen der Inhalte als Relevanz-Signale begriffen und Technologien wie Text-to-Speech dafür verwendet, Inhalte in neue Formen zu transformieren. Die Entscheidung, wie Informationen präsentiert werden, verschiebt sich dabei von der Historie einer Medienmarke („Wir sind doch eine Zeitung!“) hin zum Publikum.

Dieser Prozess wird Hand in Hand zwischen Redaktion und Technologie funktionieren. Die Recherche, Einordnung und Kommentierung hochwertiger, neuer Information ist und bleibt der technisch nicht ersetzbare Kern des Journalismus. KI-Allmachtsfantasien wollen dringend im Jahr 2025 abgeholt werden.

Die Geister der Vergangenheit könnten in dieser Entwicklung zu den Superhelden von morgen werden: Denn die Digitalprämisse von „mehr Publikum ist besserer Content“ wird ersetzt durch „bessere Information hält ein Publikum mit sehr unterschiedlichen Interessen“. Oder: Die Nische ist King.

Das Ergebnis werden neue Formate sein, die Menschen im Alltag begleiten. Und am Ende ein „Blockbuster“-Programm/-App/-Website, das davon nur profitiert.

René Bosch ist Gründer und CEO von BeatSquares, einer auf Journalismus und Content spezialisierten KI-Plattform. Zuvor war er stellvertretender Chefredakteur der BILD-Zeitung und verantwortete dort die digitalen Plattformen. Bosch war als Autor unter anderem für DIE ZEIT, Business Insider, WELT und DER TAGESSPIEGEL tätig. Er ist Hochschuldozent und lehrt dort zu Daten- und KI-Themen.