Erfolgreiche Inhalte brauchen emotionale Wirkung und inhaltliche Substanz. Sehmotive helfen dabei.

Von Nicola Staender

ZDF, Audience & Content Research Leitung

Wer nicht berührt, hat schon verloren

Glaubwürdigkeit im medialen Raum entsteht heute oft weniger durch überprüfbare Fakten als durch das Gefühl, dass ein Inhalt „passt“ – durch Resonanz, durch den richtigen Vibe. Jacqueline Fendt nennt dieses Phänomen Vibocracy: Probleme und ihre Bedeutungen entstehen in Echtzeit durch Emotionen und deren Verbreitung.

Was bedeutet das für die Formatentwicklung? Inhalte müssen nicht nur inhaltlich substantiell, sondern viel stärker als früher auch emotional anschlussfähig sein. Ein Ansatz für die Entwicklung relevanter Formate sind Sehmotive: Sie beschreiben nicht das Alter oder Geschlecht einer Zielgruppe, sondern warum sich Menschen etwas ansehen – etwa aus Neugier, zur Inspiration, zur Entspannung oder um dem Alltag zu entfliehen. Sich zu verdeutlichen, was ein Publikum emotional umtreibt und daraufhin ein Thema dramaturgisch zu planen, ist ein Schlüssel für erfolgreiche, moderne Formatentwicklung.

Aber auch Flexibilität ist entscheidend. Stimmungen, Erwartungen und kulturelle Codes ändern sich schnell. Wer den Vibe seiner Zielgruppe treffen will, muss Tonalität, Erzählweise und Perspektive laufend anpassen – ohne ohne Abstriche bei der inhaltlichen Qualität. Der gezielte Einsatz von KI-Assistenten bei wiederkehrenden Produktionsschritten bietet die Chance, mit dem Tempo der Medienproduktion mitzuhalten. Gleichzeitig bleibt es wichtig, Resonanz im digitalen Raum lesen zu können: Wer den Mut hat, auszuprobieren und die Fähigkeit, Daten zu interpretieren, erfährt sofort, ob die eigene Erzählweise ankommt.

Persönlichkeiten gewinnen an Bedeutung. Menschen mit starker Community-Bindung schaffen Vertrauen, verstärken Reichweite und geben Orientierung – gerade in fragmentierten Öffentlichkeiten. Medienhäuser sollten solche Köpfe aktiv einbinden und ihnen Plattformen bieten, um Zielgruppen zu erreichen, die bisher unerschlossen sind.

Kurz gesagt: Wer Sehmotive versteht, Emotion und Qualität verbindet, Formate flexibel hält und auf vertrauenswürdige Persönlichkeiten setzt, schafft Inhalte, die auch im postfaktischen Zeitalter bestehen.

Nicola Staender leitet die Abteilung Audience & Content Research im ZDF und ist stellvertretende Leitung der Medienforschung. Als erfahrene Formatentwicklerin für Social Media und Streaming ist sie mit ihrem Team verantwortlich für die quantitative und qualitative Nutzenden- und Plattformforschung sowie Formatentwicklungsberatung von Fachredaktionen.