Team-Grenzen sollten nicht durch die Raumgröße des Verlagshauses diktiert werden. Auch nebenan gibt es gute Ideen. Nutzt sie.

Von Morten Wenzek

Tagesspiegel, Journalist und Führungskraft

Was ich mir für die Medien-Prognose 2027 wünsche

Silos sind das Unwort des Jahres – eigentlich das Unwort eines jeden Jahres. Ich kann und will das nicht mehr hören. Redaktionen und Newsrooms sind nach Ressorts und Gewerken gegliedert. Aber ebenso wie in der Printzeitung gelegentlich ein Wissenschaftstext auf die Politik-Seiten drängt, so müssen auch an allen anderen Stellen grenzüberschreitend Synergien geknüpft werden. Das ist wichtig, um Ressorts, Newsrooms und Verlage fit für 2026 zu machen. Es geht um viel mehr als Effizienz. Es geht auch um das Gefühl der Selbstwirksamkeit von Redakteur:innen und vermeintlicher (Un)Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit.

Für den Tagesspiegel bedeutet das konkret, Silos aufzubrechen. Ein Beispiel aus der Praxis: Wir haben die separaten Gewerke Audio, Video und Social zusammengelegt. Das neue Super-Ressort nennen wir „Voice & Vision“. Warum machen wir das?

Social funktioniert nicht ohne Video. Das steht in jedem Trendreport (seit der Steinzeit). Die Algorithmen sind unter anderem auf Kurz- und Langform-Videos zugeschnitten. Deshalb ist es für uns als Medienmarke immens wichtig, nicht mit einem separaten Video-Team zusammenzuarbeiten, sondern die Video-Redakteur:innen bei uns fest im Team zu verankern: Wir sind das Video-Team. Das erleichtert Absprachen, verschlankt Prozesse zwischen Hoch- und Querformat – ich glaube daran, dass alles zur Qualitäts- und Geschwindigkeitssteigerung beiträgt. Ich glaube auch daran, dass diese Struktur natürlich ist – und wir als Menschen und in diesen Workflows, die nicht unnatürlich beschnitten werden, glücklicher sind.

Audio und Video sind ebenfalls nicht klar voneinander abzugrenzen – und eine Trennung wäre in meinen Augen eine erzwungene, unpassende Entwicklung. Podcasts sind am Ende nur so erfolgreich wie ihre Hosts sichtbar sind. Und das funktioniert hervorragend über Video. Sichtbar und erlebbar werden die Podcasts und deren Presenter wiederum über Social Media – denn Senden, Senden, Senden hat der Journalismus früher nur gemacht. Uns geht es darum, Journalismus erlebbar zu machen und einen Ort zum Austausch zu schaffen.

Losgelöst von individuellen Plattformbedürfnissen: Redaktionen sollten Social, Video und Audio strategisch zusammendenken. Die Medien-Prognose 2027 möchte ich beginnen mit der Frage: „Silos? Was waren eigentlich nochmal Silos?“

Morten Wenzek ist Journalist und Führungskraft. Als Co-Head of Voice & Vision leitet er zusammen mit Sonja Gillert die Teams Audio, Video und Social des Tagesspiegels.

Foto: Nassim Rad / Tagesspiegel