Europa muss 2026 endlich handeln und eine eigene digitale Infrastruktur für alle etablieren.

Von Markus Heidmeier

FLOW media Berlin & Kanakfilm Berlin, Geschäftsführer

Wir müssen vom Reden über digitale Souveränität zum Handeln kommen

Die Debatte über digitale Souveränität in Europa ist wichtig – und mittlerweile langweilig! Seit Jahren wird analysiert, reguliert, gewarnt. Dass die digitale Öffentlichkeit Europas in hohem Maße von US-amerikanischen Plattformen abhängt, gilt längst als Gemeinplatz. Neuer ist die politische und ökonomische Zuspitzung dieser Abhängigkeit. Die enge Allianz zwischen US-Tech-Konzernen und der aktuellen US-Administration macht auch für den letzten Akteur in dieser Domäne unmissverständlich klar: Europas Digitalpolitik wird schon lange nicht mehr als legitime Regulierung verstanden, sondern als Zensur, als Angriff auf amerikanische Interessen – und notfalls mit Zöllen, Handelsdruck, politischer Eskalation und zukünftig vielleicht sogar Schlimmerem beantwortet.

Damit hat sich der Rahmen der Debatte tektonisch verschoben. Digitale Öffentlichkeit ist keine rein medienpolitische Frage mehr (kein Gedöns, was es in den Augen vieler Politiker:innen leider lange war), sondern Teil neuer geopolitischer Konstellationen, die gerade mit nackter Macht ausgehandelt wird. Wer Infrastruktur, Daten, Algorithmen und Werbemärkte kontrolliert, kontrolliert langfristig auch Meinungsbildung (Bewusstsein!), Wertschöpfung (It’s the economy, stupid!) und Innovationspfade (Zukunft ist eine Ressource). Die oft bemühte These, Plattformdominanz gefährde die Demokratie, bleibt richtig – reicht aber nicht mehr aus. Sie beschreibt das Risiko, nicht die Perspektive – und ist lame, weil schon tausendmal gehört.

Europa steht vor einer strategischen Entscheidung: Bleibt digitale Souveränität ein defensives Regulierungsprojekt (inklusive der ganzen schrecklichen und unwürdigen Verzagtheit der letzten Jahre), oder wird sie zu einer aktiven Wirtschafts- und Innovationsstrategie (Mut ist auch eine Ressource)? Denn die eigentliche Schieflage liegt nicht nur in der Macht über Inhalte, sondern in der systematischen Abwanderung von Wertschöpfung. Europäische Inhalte, europäische Daten und europäische Aufmerksamkeit speisen KI-Modelle und Plattformökonomien, deren Rendite und Steuerung außerhalb Europas liegen. Diese Form digitaler Kolonisation ist ökonomisch ebenso problematisch wie demokratietheoretisch.

Genau hier setzt unsere Beyond Platforms Initiative an. Sie versteht digitale Öffentlichkeit nicht als nächste Plattform, sondern als interoperables Ökosystem. Ein System, in dem Rollen klar getrennt sind: Content Owner, Content Broker, Nutzer:innen mit echter Datensouveränität, eine gemeinsame Registry für Metadaten etc. sowie transparente Matchmaking- und Empfehlungslogiken. Wettbewerb entsteht nicht durch Gatekeeping, sondern durch bessere Inhalte, Interfaces, Kuratierung, Communities und Geschäftsmodelle.

Mit BPI 1.0 wird dieser Ansatz zunächst für öffentlich-rechtliche und private Medienhäuser gedacht: gemeinsame technologische Grundlagen, gemeinsame Datenräume, individuelle Marken und Oberflächen. BPI 2.0 öffnet das System für Creator und User-Generated Content – nicht als abhängige Zulieferer, sondern als gleichberechtigte Akteure. BPI 3.0 integriert schließlich Brands und Werbung und schafft damit die Voraussetzung für neue, europäische Wertschöpfungsketten jenseits der US-AdTech-Dominanz.

Dass dieses Modell keine bloße Vision ist, zeigt das von der Beyond Platforms Initiative mitinitiierte Vorprojekt „Datenraum Medien“. Gemeinsam mit ARD, ZDF, RTL, ProSiebenSat.1, der dpa und acatech werden hier die Grundlagen einer gemeinsamen Daten- und KI-Infrastruktur erprobt – unter Wahrung der Datenhoheit und nach dem Prinzip „Compute to Data“. Der Datenraum Medien ist ein Proof of Concept: Kooperation ist möglich, skalierbar und wettbewerbsfähig.

2026 muss das Jahr werden, in dem Europa den Schritt von der Analyse ins Doing wagt. Regulierung bleibt notwendig, aber sie reicht nicht. Entscheidend ist der Aufbau eigener, souveräner digitaler Ökosysteme, die Demokratie, Innovation und wirtschaftliche Stärke zusammendenken. Beyond Platforms versteht sich dabei nicht als Gegenmodell zur digitalen Moderne, sondern als Einladung, sie endlich selbst zu gestalten. Denn wenn wir bereit sind mutig zu investieren, können wir Weichen stellen. Die Zutaten sind längst da. 2026 sollten wir Geld in die Hand nehmen und loslegen. Dass dieses Vorhaben eine biblische Dimension hat, ist klar. Aber es wäre unverzeihlich, es nicht versucht zu haben.

Markus Heidmeier ist Journalist, Co-Initiator der Beyond Platforms Initiative, Geschäftsführer der FLOW media Berlin GmbH und der Kanakfilm Berlin GmbH sowie Mitgründer der Initiative “Unsere Medien”.