Von Marie-Louise Timcke
Süddeutsche Zeitung, Ressortleitung Datenjournalismus
2026 wird das Jahr, in dem Personalisierung im Datenjournalismus endgültig von der Kür zur Pflicht wird. Einst waren die interdisziplinären Teams vor allem ein kreatives Aushängeschild der Redaktionen, zuständig für prestigeträchtige Projekte, die Preise gewannen, aber nicht unbedingt die Klickzahlen und Aboabschlüsse sprengten. Das änderte sich spätestens während der Corona-Pandemie, als interaktive Dashboards plötzlich Millionen von Nutzenden anzogen und das enorme Potenzial dieses Bereichs für den Journalismus offenlegten.
Der Erfolg führte zu einer Dashboard-Welle: Ob Wetter, Energie oder Wahlen – jede Redaktion entwickelte Live-Tracker, die Lesende Veränderungen in Echtzeit verfolgen ließen. Doch die Euphorie verflog schnell, da sich die Darstellungsform nur für Überblicke eignet, nicht für tiefergehende Interpretationen der Zahlen.
Und nun ist also die Ära der Personalisierung angebrochen. Das Konzept ist nicht revolutionär: Schon in den Geburtsstunden des Datenjournalismus sollten Daten dabei helfen, große Themen herunterzubrechen und den Lesenden die Frage zu beantworten: "Was bedeutet das für mich?" Interaktive Tools, die zeigen, wie stark die Temperaturen seit der eigenen Geburt gestiegen sind oder zu welcher Einkommensschicht man gehört, sind schon lange Publikumsmagneten. Das Erfolgsrezept: Sich selbst im Datensatz wiederfinden und dabei das große Ganze verstehen.
Dieses Prinzip erlebt gerade einen Aufschwung, vielleicht auch, weil die Menschen dank KI-Chatbots maßgeschneiderte Erklärungen gewohnt sind. Auch im Journalismus können wir individuelle Zugänge zu wichtigen Themen schaffen: Lesende können sich dann nicht mehr nur selbst in einer Karte wiederfinden, der gesamte Text kann sich an ihre Angaben anpassen. So beschreiben wir beispielsweise nicht mehr generisch, wie eine Immobilienfinanzierung abläuft, sondern erklären sie anhand des konkreten Einkommens der Lesenden.
Weil diese personalisierten Stücke außergewöhnlich gut laufen, dürfen wir 2026 viele weitere Rechner ("Wie viel Immobilie können Sie sich leisten?", "Welcher Stadtteil passt zu Ihnen?"), automatisierte Lokal-Analysen (z. B. Wahlauswertungen oder Gehaltsreports nach Wohnort) und adaptive Artikelformate (die digitale Evolution der Entscheidungsbaum-Grafiken aus der Bravo) erwarten. Keine radikal neuen Ideen, aber extrem erfolgreich und heute technisch leichter umsetz- und standardisierbar.