Von Marie Kilg
Deutsche Welle, Chief AI Officer
2026 werden wir nicht mehr lange von Slop sprechen. KI-generierter Content wird normal, und zwar nicht nur in offensichtlich schrottigen Katzen-Sitcoms und Trampolin springenden Tieren. Auch die Kritischsten unter uns werden sich täuschen lassen. Desinformationen erreichen ein neues Level: durch die verbesserte Technologie, aber auch durch die zunehmende Unschärfe in der Glaubwürdigkeit der Absender. Für Medienunternehmen bedeutet das: Wer den Technologiewandel nicht mitgestaltet, wird irrelevant. Denn Slop ist kein Qualitätsproblem. Er ist ein Zentralisierungsproblem.
KI beschleunigt die Machkonzentration, die den Kampf um Aufmerksamkeit schon die letzten Jahre geprägt hat. Wenige Modelle, trainiert auf denselben Daten, optimiert auf dieselben Engagement-Metriken – und zunehmend nutzbar als Werkzeug für wenige Mächtige, um die öffentliche Meinung beeinflussen und ihre eigene Verantwortung verschleiern zu können. Das wird oft als Bedrohung für den Journalismus gesehen. Und die Situation ist nicht schönzureden - was die freie Gesellschaft bedroht, bedroht auch die freien Medien.
Aber die gute Nachricht ist: Zentralisierung produziert Durchschnitt, und Durchschnitt ist angreifbar.
Medienunternehmen sollten die brenzlige Situation zum Anlass nehmen und proaktiv strategisch gegensteuern. Und zwar durch einen Fokus auf *Dezentralisierung*. Intern schaffen dezentrale, souveräne KI-Strukturen Sicherheit und Handlungsspielraum. Extern heißt Dezentralisierung: Weg von Einheits-Inhalten, hin zu den Lebensrealitäten der Nutzenden. Sei es durch lokale Inhalte oder durch individuelle Personalisierung - was wirklich nützlich ist, kann in der Content-Flut bestehen. Was nah ist, ist überprüfbar, und stärkt damit die Vertrauenswürdigkeit der gesamten Marke. Und je mehr KI-Slop verunsichert und zermürbt, desto eher haben glaubwürdigen Medien eine Chance, durchzudringen.
KI ist Konkurrent um Klicks, aber auch ein potenziell lebensrettendes Tool für eine bessere Produktion. Medienunternehmen müssen konsequent automatisieren, Strukturen vereinfachen, entschiedenen Infrastruktur-Umbau ermöglichen. Wenn der Wille da ist, ist die Modernisierung gerade erreichbarer denn je. Denn der Kampf um Marktmacht im Tech-Bereich drückt die Preise und an vielen Stellen können wir dank der neusten KI-Tools sogar Komplexität überspringen. KI kann bei der Lokalisierung helfen, bei der Personalisierung, bei der Community-Pflege. Und durch KI-gestützte Datenauswertung können wir unsere Nutzenden besser verstehen und damit besser erreichen.
Die Frage für 2026 ist nicht, ob Medien KI einsetzen sollten. Sondern wofür - und zu wessen Bedingungen. Souveränität schlägt Abhängigkeit. Nähe schlägt Drama. Nachhaltiger Nutzen schlägt Slop. Relevanz wird täglich neu verhandelt. Gerade in diesen Zeiten können wir es uns nicht leisten, sie zu verspielen.Open Comments PanelOpen Details PanelListenRovo Button