„Storytelling from space” ist kein futuristisches Experiment, sondern eine demokratische Notwendigkeit.

Von Marcus Pfeil

Vertical52, Co-Founder

Satellitenjournalismus am Scheidepunkt

2026 wird ein Schlüsseljahr für den Satellitenjournalismus in Europa. Nicht, weil plötzlich neue Sensoren oder spektakulärere Bilder aus dem All verfügbar wären – sondern weil sich entscheidet, unter welchen politischen und rechtlichen Bedingungen diese Bilder künftig gesehen, analysiert und erzählt werden dürfen.

Mit dem geplanten European Space Law (absehbar ab 2026) erreicht diese Entwicklung einen politischen Kipppunkt. Erstmals definiert die EU einen einheitlichen Rechtsrahmen für Raumfahrt – und damit indirekt auch, wer Satellitendaten nutzen darf, unter welchen Bedingungen und mit welchen Einschränkungen. Was heute noch als zivile Erdbeobachtung gilt, wird zunehmend unter dem Label „Sicherheit“ und „Dual Use“ verhandelt.

Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Europa ein Space Law braucht, sondern welches Verständnis von Öffentlichkeit darin eingeschrieben wird. Wird der Blick aus dem All als strategische Ressource behandelt, die primär staatlich kontrolliert und sicherheitspolitisch gefiltert wird? Oder bleibt er ein zivil nutzbares Instrument, das auch Journalismus, Zivilgesellschaft und unabhängiger Forschung offensteht?

Für den Medienmarkt ist das hochrelevant. Satellitenjournalismus lebt davon, dass Redaktionen eigenständig sehen können, was Regierungen, Militärs oder Konzerne lieber unsichtbar halten würden. Wenn Zugang zu Auflösung, Aktualität oder Analysefähigkeit faktisch eingeschränkt wird, verschiebt sich das Machtverhältnis wieder zurück zu staatlichen Akteuren – und Journalismus verliert einen seiner wenigen wirklich unabhängigen Beobachtungspunkte.

Meine zugespitzte These: 2026 entscheidet sich, ob GeoOSINT eine zivile Gegengewichts-Technologie bleibt oder schleichend re-militarisiert wird. Das European Space Law wird dabei weniger durch explizite Verbote wirken als durch Rahmenbedingungen: Lizenzregime, Haftungsfragen, Exportkontrollen, Sicherheitsklauseln. Wer hier keinen Platz für journalistische Nutzung mitdenkt, schließt sie de facto aus.

Gleichzeitig professionalisiert sich der Satellitenjournalismus weiter. Daten allein reichen nicht mehr. Entscheidend sind kontextualisierte Analysen, nachvollziehbare Methodik und redaktionell nutzbare Aufbereitung. Genau hier entstehen neue Infrastrukturen, die Redaktionen befähigen, Satellitendaten eigenständig und verantwortungsvoll einzusetzen – von der Recherche bis zur Veröffentlichung. Anbieter wie Vertical52, die Datenzugang, Analysekompetenz und journalistische Workflows zusammenbringen, werden dabei weniger zu Dienstleistern als zu kritischer Infrastruktur für Öffentlichkeit.

„Storytelling from space“ ist damit kein futuristisches Experiment, sondern eine demokratische Notwendigkeit. In einer Welt, in der physischer Zugang zu Konfliktzonen, Grenzräumen oder Umwelt-Hotspots immer häufiger verhindert wird, entscheidet der Zugang zum Orbit darüber, wer Wirklichkeit sichtbar machen kann – und wer nur noch Narrative verwaltet.

Marcus Pfeil hat sich seit 2012 auf komplexe Storytelling-Projekte spezialisiert. Mit seinen Teams produzierte er zahlreich preisgekrönte Geschichten: So verfolgte er Elektroschrott, der nach Westafrika geschmuggelt wurde. Oder ein verschwundenes Gemälde, das einer jüdischen Familie 1938 das Leben rettete. Seine Geschichten baut er mit Hilfe innovativer Technologien wie GPS-Sendern oder Sensoren, mit denen er etwa drei Milchkühe zum Sprechen brachte. Seit 2022 arbeitet er als Space Journalist, recherchiert aus dem All und führt die Geschäfte von Vertical52 GmbH und der gemeinnützigen Vertical52 Academy.