Von Marc Krüger
RBB, Teamlead Podcast für Aktuelles und Information
Das Gefühl in der Podcast-Branche wird auch 2026 weiter mau sein im Vergleich zu Boom-Jahren wie 2020 bis 2022. Obwohl Abrufe und Gewinne höher sind als damals. Obwohl Podcasts inzwischen fest zum Medienmix gehören. Obwohl sie publizistisch bedeutender sind als je zuvor. Und obwohl die Qualität gestiegen ist seit den Pandemie-Experimentierzeiten mit Billigmikrofonen.
Aber die "Wir legen einfach mal los"-Tage sind vorbei. Und es stimmt ja: Es fehlt Geld, sogar bei den ganz Großen. Das Wondery-Aus bei Amazon oder Spotifys weitgehender Rückzug als Inhalteproduzent sind offensichtliche Zeichen. Weitere: Es verschwinden Produktionsfirmen, Ideen kommen nicht voran, Podcast-Teams von Verlagen und Medienhäusern werden trotz Erfolgen zusammengelegt (meist mit Video und Social), verlieren Einfluss und gute Leute. 2026 wird diese Trends nicht umkehren. Auch inhaltlich werden wir wohl mehr vom Gleichen bekommen, vor allem True Crime, Erzähl- und Laberformate und alles aus der Kategorie „Promi trifft Promi“, jetzt eben mit Video.
Aber es gibt viel, was dieses Zwischen-Jahr beleben kann: Überraschende Kooperationen, neue Selbstständigkeit, erfrischendes Storytelling, Experimente und natürlich Sport-Podcasts. Das ist eine der großen, offensichtlichen Chancen in einem Jahr mit Olympischen Winterspielen und einer Fußball-WM mit nächtlichen Anstoßzeiten.
Die Innovations-Entscheider sind 2026 weiter die Plattformen. Und da sieht’s nicht übel aus für Podcasts, wie ein paar Schlaglichter zeigen:
Netflix. Wenn ihr diese Zeilen lest, wird Netflix tatsächlich eine Podcast-Plattform geworden sein, zumindest in den USA. Im Laufe des Januars werden zunächst mehr als 30 Video-Podcasts neben „Stranger Things“ und „Emily in Paris“ zur Auswahl stehen, darunter viele große Namen – manche davon exklusiv. Heißt: Sie sind dann nicht mehr bei…
YouTube. Aber das macht nichts, denn YouTube ist eine immer weiter wachsende Podcast-Plattform und produziert teils spektakulären Zahlen Die Lücke der Netflix-Produktionen sollte schnell geschlossen sein, zumal wenn YouTube weiter sein Podcast-Potential entfesselt.
Spotify. Eine Plattform auf der Jagd nach mehr Guck-Inhalten. Dafür greift Spotify über sein Partnerprogramm ordentlich in die Tasche, lockt nun schon Video-Podcaster mit kleineren Reichweiten an. Das laufende Jahr wird ein Gefühl geben, ob das ein nachhaltiges Konzept ist – auch für Podcast-Macher, die immer damit rechnen müssen, dass Spotify plötzlich wieder die Lust verliert.
ARD Sounds. So heißt ab März die Audiothek. Nicht nur der Name ist neu, auch viel Technik unter der Haube und ZDF-Angebote im Player. Und im Laufe des Jahres wandern immer mehr Radio-Apps unter das ARD-Sounds-Dach. Es gibt mehr Personalisierung, Livestreams, bald ein Profil für Kinder – und ein Festival.
Und damit 2026 tatsächlich ein gutes Podcast-Jahr wird, noch zwei Wünsche. Den mutmaßlichen Aufstieg von Smart TV's als Podcast-Abspielgerät hatte wohl bisher keiner auf seiner Vorhersageliste. Deshalb fülle ich fix diese Lücke, obwohl ich selbst noch so viele Fragen dazu habe. Aber ich möchte gern mehr dieser überraschenden Geräte, auf denen Menschen plötzlich Podcasts nutzen. Und mehr seltsam-schöne Worte wie „Smart-TV-Podcast-Hörer“.
Der letzte Wunsch betrifft das Überall-Riesenthema: Dass wir 2026 nur noch einen dickeren KI-Exzess-Aufreger haben. Maximal zwei. Dann soll’s aufhören! Danach soll KI bitte einfach zum unsichtbaren Mitproduzenten beim Podcasten werden: Hilfe beim Schnitt, verbessern der Audioqualität und ein bisschen Unterstützung bei Recherche und inhaltlicher Kreativität. Immer transparent, bewusst eingesetzt und vor Veröffentlichung von einem echten Menschen kontrolliert. Wenn das gelänge, wäre dieses tatsächlich nicht nur ein Zwischen-Jahr, in dem wir auf Innovation und bessere Zeiten warten, sondern ein kleiner Meilenstein.